Interview mit Jenny Klestil

Shero - Jenny Klestil

Jenny Klestil fotografiert Menschen mit Behinderung und hat über 170 Ausstellungen unter dem Titel „Glück kennt keine Behinderung“. An ihrem Projekt haben über 2000 Familien mit behinderten Kindern mitgewirkt. Zudem ist sie selbst Mutter von 3 Kindern, möchte die Menschen so zeigen wie sie sind und ihnen besondere Erinnerungen schaffen.  Ihre Bilder gehen unter die Haut und stecken an: man muss einfach lächeln. Das können wir uns nicht entgehen lassen und haben heute Jenny Klestil zu Besuch.

Sara: Wie hat das alles angefangen? Was ist deine Motivation und dein persönliches Warum?

Jenny Klestil: Angefangen hat es 2015 zum Welt-Down-Syndrom-Tag. Ich beschloss für einen Tag Familien mit Down-Syndrom zu fotografieren und daraus wurde dann eine Woche, ein Monat und so weiter. Im August 2015 fand dann die erste Ausstellung unter dem Thema „Glück kennt keine Behinderung“ statt und so ging das immer weiter. Heute habe ich schon über 2000 Menschen mit den unterschiedlichsten Handicaps fotografiert. Mittlerweile weiß ich, wie wichtig es ist, Menschen in ihrer Vielfalt zu zeigen. Nach fünf Jahren und all den Begegnungen merke ich, wie viel wir von Menschen mit geistiger Beeinträchtigung lernen können. Sie haben Fähigkeiten, wie z.B. das Empathievermögen und Ehrlichkeit, von denen wir uns alle eine Scheibe abschneiden können.

Sara: Erzähl uns von deiner Arbeit: wer wird fotografiert, wo und wie läuft so ein Fotoshooting ab?

Jenny Klestil: Meine Arbeit ist ganz unterschiedlich und bunt (lacht)! Zum einen ist es weltweit die größte Ausstellung zum Thema Inklusion. Ich fotografiere im Monat manchmal bis zu 100-200 Menschen mit Handicaps und sie werden, wenn sie möchten, Teil dieser Ausstellung. Außerdem halte ich noch einige Vorträge und veranstalte Inklusions-Foto-Picknicks in ganz Deutschland. Es soll nämlich jeder an meinem Projekt teilhaben können. Egal ob klein, dick, groß, dünn, im Rollstuhl oder mit einer anderen Behinderung. Im Sommer finden die Foto-Picknicks draußen statt und jeder bringt noch etwas zum Essen mit. Ich fotografiere sie dabei ganz natürlich und unbefangen. Einfach so wie sind! Außerdem arbeite ich noch mit einigen Prominenten zusammen.

Sara: Du fotografierst viele Familien mit behinderten Kindern. Gibt es dabei auch Herausforderungen?

Jenny Klestil: Nein gar nicht! Das ist übrigens immer die Top 1 Frage, ob es irgendwie schwierig wäre. Ich werde nicht müde zu sagen, dass es für mich total unkompliziert  und mit viel Freude verbunden ist. Ich finde es sogar einfacher als mit Personen zu arbeiten, die das „Normalsyndrom“ haben, wie ich es nenne. Heutzutage wollen wir uns auf Fotos immer von der besten Seite zeigen und keine Schwächen zeigen, obwohl Ecken und Kanten doch das Leben so interessant machen.

Sara: „Ein Bild sagt mehr als tausend Worte“ heißt das Sprichwort. Wie wichtig und effektiv findest du visuelle Inhalte?

Jenny Klestil: Sehr effektiv und ganz besonders im Bezug auf Inklusion. Ich versuche mit meiner Kamera Situationen aufzugreifen, die das Glück zeigen. Ich habe damit eine Möglichkeit geschaffen es mit einer Leichtigkeit rüberzubringen. Nehme damit Ängste, ohne dass man viel Text braucht.

Sara: Wie leben die Familien mit so einer Diagnose?

Jenny Klestil: Ich habe durch meine Arbeit erfahren, dass der Großteil an Behinderungen erst nach der Geburt eintritt. Wenige erfahren es in der Schwangerschaft. Für viele ist es erst eine Schocknachricht, weil wir von der Gesellschaft oder Medizinern ein negatives Bild suggeriert bekommen. Ich finde, dass wir von diesem Schubladendenken los kommen müssen und aufgeschlossener werden sollten. Ich genieße jede Begegnung, die ich erleben darf.  Mensch ist Mensch!

Sara: Gibt es etwas was du von den Familien für dich selbst vielleicht mitgenommen hast?

Jenny Klestil: Definitiv! Von Anfang an war ich von jeder Begegnung gefangen. Ich bin selbst Mutter von drei Kindern und weiß, dass jeder Mensch in seinem eigenen Rollenmuster steckt. Jeder hat seine eigenen Baustellen, sein eigenes Tempo und jeder geht seinen eigenen Weg. Wir müssen die Individualität eines jeden immer weiter fördern und dabei ist es wichtig auch Schwächen zugeben zu können. Wenn ich nach meinen Terminen, Foto-Picknicks oder Ausstellungen nach Hause fahre, merke ich, wie glücklich mich dieses Projekt macht. Ganz nach dem Motto „Glück kennt keine Behinderung“.  Es hat mich insgesamt viel mehr entspannt und beseelt. Auch im Umgang mit meinen Kindern (lacht). Wir können uns einige Fähigkeiten, wie die Empathie oder auch die Ehrlichkeit von Menschen mit Down Syndrom, abschauen. Ich habe außerdem gelernt, dass einiges auch ohne Sprache passieren kann. Mit wenigen Worten vom Augenblick heraus.

Sara: Heutzutage sind wir alle irgendwie auf der Suche nach dem Glück. Psychische Probleme, Depressionen und Krankheiten nehmen immer mehr zu. Du erzählst wie sehr dich deine Arbeit entspannt und beseelt. Was nimmst du noch mit?

Jenny Klestil: Jeder von uns jammert gerne (lacht).

Ich erlebe Familien, die hunderte von Kilometern fahren, um von mir fotografiert zu werden. Dann steigen sie nicht aus dem Auto und jammern, dass sie keinen Parkplatz gefunden haben und wie schlimm das alles war. Ganz im Gegenteil: Sie haben eine große Bereitschaft, freuen sich und bringen eine Grund Flexibilität mit. Das schaue ich mir von den Familien ab.

Menschen mit Behinderung hinterfragen nicht andauernd das Glück und haben es auch so viel leichter glücklich zu sein. Und Kinder sowieso 😉

Sara: Was bedeutet für dich Glück & Schönheit?

Jenny Klestil: Schönheit war für mich als Fotografin noch nie das erstrebenswerte „Heidi Klum Prinzip“ (lacht). Ich sehe die Menschen so, wie sie sind.

Warum sollen wir auf die Macken hinweisen? Natürlich hat jeder das Recht darauf den einen Pickel oder Augenringe zu retuschieren. Man möchte schließlich positiv rüberkommen, aber eben nicht verändert! Ich mag es nicht das vermeintlich Perfekte darstellen zu wollen, denn keiner von uns ist perfekt. Auf Instagram zeigt sich jeder von seiner besten Seite und darunter leidet dann oft unser Selbstwertgefühl.

Ich finde, dass die Attraktivität auch von Innen kommt.

Die Suche nach dem Glück finde ich sehr anspruchsvoll, da unser Leben in der Regel sehr wellenartig verläuft. Ich denke, dass ein dauerhafter Glückszustand nicht erstrebenswert ist und das Schmerzhafte zum Ausgleich einfach dazu gehört.

Menschen mit Behinderung hinterfragen nicht andauernd dieses Glück und haben es auch so viel leichter glücklich zu sein. Und Kinder sowieso 😉

Sara: Möchtest du etwas auch unseren Leserinnen weitergeben?

Jenny Klestil: Bestimmt mehreres sogar (lacht).

Nehmt euch so an wie ihr seid und zweifelt nicht an euch.  Ihr müsst nämlich nicht allen gerecht werden.

Und zu meinem Herzensthema, der Inklusion: Versucht über eigene Barrieren zu springen und offener zu werden. Wenn wir ehrlich sind denken wir gerne in Schubladen und besonders auch bei Menschen mit Behinderungen. Diese Menschen können alle mehr, als man denkt und das können wir persönlich doch auch. Lasst uns also mehr aufeinander zugehen und uns mehr zumuten.

Hier kannst du noch mehr über Jenny Klestil und über das Projekt ‚Glück kennt keine Behinderung‘ erfahren:

Web: https://glueckkenntkeinebehinderung.de

Instagram: https://www.instagram.com/jenny_klestil_photography/

Facebook: https://www.facebook.com/jennyklestilphotography

*Auf Yasminum Instagram  findest du das Interview auch als IGTV

Check it out 😉

XOXO deine Sara

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