Laune der Natur

Laune der Natur 

von Clara Draskoczy

Dieser Poetry Slam handelt von utopischen Gedanken, die sich aus realem, gegebenem Anlass verselbständigt haben und wie Wasser auf’s Papier geflossen sind, mit meinem Kopf als Wasserquelle, dem Stift als Wasserfall und dem Papier als Auffangbecken. Den kommenden Worten sei vorweggenommen, dass ich zu den privilegierten paar Prozent’ dieser Welt gehöre, denen es (noch) dermaßen gut geht, sodass sich solche Erste-Welt-Gedanken einnisten können. 

Was wäre, wenn diese Welt vor dem Virus nicht mehr wäre? Wenn alle Cafés, alle Kneipen und Clubs, alle Festivals, alle Freizeitziele, sämtliche sogenannten Ablenkungsmanöver wegfielen. Wenn Tourismus nur noch eine Prägung vergangener Jahrzehnte und Globalisierung nur eine Form gescheiterter gesellschaftlicher Selbstverwirklichung wäre? Wenn anstelle dessen jeden Tag die Stimme der Feiertagsstille ertöne? Was würden wir dann tun, um uns vom wesentlichen Wirrwarr dieser Welt abzulenken?

Niemand könnte mehr prahlen mit Partys, mit Pumpen, mit verdammtem Geld und verflixtem Gold, mit Städtetrips, mit Spritztouren, mit Weltreisen, mit Wellenreiten. Wenn die krankhafte Kraft des kapitalistischen Konsums flöten gehe. Denn die gleiche Kraft, die den Kapitalismus trägt, ist die, die uns bewegt, immer einem besseren Selbst nachzueifern, das Leben der Anderen beharrlich zu begehren.

Wenn denn dann all das Geschichte wäre, würden wir, womöglich, im Laufe der Zeit die erworbenen Sekunden zelebrieren. Denn die Zeit, die wir vorher noch mit all den flüchtigen Dingen füllten, würde uns jetzt zornig zwingen, ihr in die Augen zu schauen. Sie würde uns zwingen zu beginnen, den Blick auf uns selbst zu richten. Denn was sonst sollen wir tun, wenn das Hoch des Tages aus dem Stoff bestehe, der früher zu Langeweile an öden Tagen führte?

Vielleicht würde die Zeit auch dann noch vergehen wie im Fluge, doch wäre es eher ein Segel- als ein viel zu stürmischer Sturzflug. Wir würde lernen, dass der Blick, der sonst immer die anderen und deren scheinbar schillernd schönes Leben in’s Scheinwerferlicht stellt, zwangsläufig auf uns selbst fällt. Und wir würden merken, dass das, bei Licht betrachtet, unsere Panik vor eben diesem entmachtet. Vielleicht würde man sich endlich therapieren lassen, in sich gehen, sich wild drehen und Vieles verstehen. Unser Herz schlüge wieder im Rhythmus eines langsamen Liedes, es würde in uns eine neue Blutpumpe entstehen, eine, die kreative Ader hieße, durch die dann Ideen fließen, Ideen, die in uns sprießen, die den Körper übergießen.

Wir würden das Hoch des Tages zelebrieren, wir würden die Pflanzen feiern wie früher die Feste, würden Bäume anbeten wie früher die Bänker, würden Blumenwiesen retten wie früher die Banken und würden Wälder wachsen lassen wie damals die widerwärtige Wirtschaft, die waghalsig wankenden Wolkenkratzer im Wind.

Das Tagestief bestände aus einer Auseinandersetzung mit uns selbst, einer, der wir die zusätzliche Zeit liebevoll, manchmal widerwillig widmen. Wir würden unsere Lieblingsmenschen lesen lernen, als hätte man ihnen ihre Gedanken fein leserlich mit Filzstift auf die Stirn gepinselt. Mit unseren Omas würden wir über frühere Fehler und ridiküle Romane reden, unsere Opas würden uns von Sternbildern, die am anderen Ende der Welt plötzlich verkehrt herum am Himmel hängen, erzählen. Mit unseren Vätern ginge es um Nikotinsuchtpotenziale und Errungenschaften als vielfache Vollzeitpapas, mit unseren Geschwistern um stundenlange Auseinandersetzungen und alles übertönende, heimliche Bewunderungen.

Und während ich hier phantastische Fabeln auf’s virtuelle Papier herunterphilosophiere, fällt‘s mir wie Blätter von den Augen: Glück ist ortsunabhängig. Wie ein Foto, das sich aus seinem Rahmen nehmen lässt und in einen anderen wieder eingerahmt wird, ohne dass Rahmen noch Foto kaputt gehen. Abhängig ist nur der, der dieses Glück schier stur an einen Ort knüpft. Der das Grundrecht Glück nur dann fühlen kann, nur zu sich selber findet, wenn er flieht. Flieht in die Ferne um sich dort erneut zu finden, dorthin, wo Schuhe entbehrlich sind und Sonnencreme lebensnotwendig.

Glück liegt bestimmt auch in der Ferne, ja, vielleicht hat‘s das Glück dort, wo die Sonne ihr größtes Aggressionspotenzial hat, sogar etwas leichter, denn jedes Kind weiß, dass Vitamin D mit Endorphinen in harmonischen Symbiosen leben. Glück sprudelt hervor, wenn wir mit Walen waghalsig witzeln, auf Winterwellen reiten oder Haien heimlich hi sagen. Wir glauben fest daran, dass diese magischen Momente uns mit bunten, nie verblassenden Erinnerungen ausmalen. Für’s Leben zeichnen. Sie sind, so denken wir, der Stoff, aus dem Charaktere sind, der Fels in der Brandung, das Schleifpapier, das ihn poliert. Aber auch beim Reisen finden wir nicht zu uns selbst. Wir tragen unseren Ballast im Backpack, egal, wie weit weg wir uns bewegen.

Deshalb, ein Appell an dich, an mich, an uns, aus gegebenem Anlass: lasst uns zuhause reisen, reisen in uns, unseren Lieblingsmenschen, unseren Erlebnissen und Fantasien, unseren Ängsten oder in der lokalen Variante des tropischen Dschungels. Lasst uns Erinnerungen mit Melodien verzier’n. Lasst uns all das schätzen und beschützen lernen, das wir, die wir zu den privilegierten paar Prozent gehören, unser Eigen nennen dürfen. Denn Glück ist nicht in Orte zu fassen.

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